Rückblick auf den Galaabend

Eine Rezension des Journalisten Thomas Hess über "hinreißende Goldkehlchen" und "jugendliches Feuer".

Bad Mergentheim. Ein hinreißend koloraturensicheres Goldkehlchen trug bei der jüngsten „DEBUT-Gala“ in der Wandelhalle, der Endrunde im Gesangswettbewerb für junge Nachwuchskünstler, am Ende die Palme bzw. die die mit 10.000 € dotierte „goldene Victoria“ (dazu noch den Publikumspreis in Höhe von 1.000 € und ein Engagement beim Philharmonischen Orchester Würzburg) davon: In einem stark besetzten Feld aus insgesamt fünf Sängerinnen und Sängern aus vier Nationen bildete die junge Russin Vasilisa Berzhanskaya (Mezzosopran) fast schon eine Klasse für sich und riss schon mit ihrem ersten Auftritt in der voll besetzten Halle das ansonsten (zunächst) etwas reservierte Publikum zu lautstarken Beifallsbekundungen hin. Auch der siebenköpfigen Jury, angeführt von dem Gesangspädagogen Professor Harald Stamm, dürfte in diesem Fall das Urteil nicht schwergefallen sein. Allerdings überzeugten auch die Zweit- und Drittplatzierten des Finales, die chinesische Mezzosopranistin Yajie Zhang (silberne Victoria) und der deutsche Bariton Konstantin Krimmel (Bronze) mit herausragenden Leistungen, erstaunlich reifen Interpretationen und vor allem wunderschöner Gesangskultur. 

Der von Dr. Manfred Wittenstein ins Leben gerufene DEBUT-Gesangswettbewerb existiert - ohne öffentliche Förderung, doch von privaten Sponsoren unterstützt - seit nunmehr 16 Jahren, seit 2010 in enger Partnerschaft mit den Jeunesses Musicales Deutschland. Inzwischen – es ist der mittlerweile neunte „Klassik-Gesangswettbewerb“ seiner Art - treffen sich Nachwuchstalente aus der ganzen Welt (ausgewählt in diesem Jahr aus über 400 Bewerbungen) für eine Woche auf Schloss Weikersheim, um Erfahrungen zu sammeln, sich der Kritik zu stellen, professionelle Ratschläge einzuholen, nützliche Kontakte oder auch vielleicht lebenslange Freundschaften anzuknüpfen. Nicht nur die internationale Anziehungskraft, sondern auch das künstlerische Niveau des im Abstand von zwei Jahren durchgeführten Wettbewerbs sei in dieser Zeit kontinuierlich gewachsen, wie die künstlerische Leiterin Clarry Bartha in der Wandelhalle nicht ohne Stolz vermerkte. Sie verwies auch auf die Sondersparte „Liedgesang“, die inzwischen zu einem gleichberechtigten Bestandteil des Programms avanciert sei. Als Zeichen sei in diesem Jahr eine Auftragskomposition für ein Kunstlied an einen zeitgenössischen Komponisten ergangen, die von den Semi-Finalteilnehmern zu interpretieren war.

Mit Marc-Antoine Charpentiers „Te Deum“ (später als Eurovisionsmusik bekannt geworden) und einer aufgeweckten Ouvertüre zu Mozarts Oper „Ideomeneo“, gespielt vom Philharmonischen Orchester Würzburg unter seinem Leiter Enrico Calesso hatte dieser vom SWR aufgezeichnete Galakonzertabend begonnen, quirlig, locker und temperamentvoll moderiert von Felix Seibert-Daiker, einem gebürtigen Bad Mergentheimer, der hier als Nachfolger von Jan Hofer sein eigenes Debut feierte. Denkwürdig war freilich vor allem der kurze Auftritt der inzwischen 90jährigen, zu ihrer aktiven Zeit weltweit gefeierten Mezzosopranistin Christa Ludwig, die hier als Ehrengast gekommen war und auch einige mahnende und zugleich warme, ermutigende Worte für ihre jungen Kolleginnen und Kollegen mitgebracht hatte.

Den Reigen der fünf Finalisten, aufmerksam und geschmeidig begleitet von den Würzburger Philharmonikern unter Enrico Calesso, eröffnete der koreanische Bariton Jeongmeen Ahn mit der bekannten Arie des Figaro aus Rossinis „Barbier von Sevilla“: „Largo als factotum.“ mit schlanker, weicher, etwas kleiner Stimme, beweglich und klangschön, mit lebhafter, manchmal etwas aufgesetzt wirkender Mimik. Überaus klangschön und kultiviert gesungen war im zweiten Durchgang auch sein Valentin aus Gounods „Faust“: „Avant de quitter ces lieux“, dazu sehr emotional und mit einer fast weiblichen Süße. Dafür erhielt er ein Stipendium der Jeunessses Musicales und ein Engagement an der Jungen Oper Schloss Weikersheim. Sein russischer Kollege Stefan Astakhov, mit 21 Jahren jüngster Teilnehmer des Wettbewerbs, hatte sich für sein Debut ebendieselbe Arie ausgesucht: Er verlieh ihr mit seinem warmen, tenoralen Bariton eine etwas andere Note, voll jugendlichen Feuers, mit heroisch profilierten Mittelteil. Zuvor hatte er bereits in der Rachearie des Grafen „Vedro mentr'io sospiro“ aus Mozarts „Figaros Hochzeit“ eine ebenso facettenreiche wie ausdrucksvoll lebendige Vorstellung abgeliefert. Dafür erhielt er einen neu eingeführten Debut-Förderpreis in Höhe von 1.000 €.

Was beiden genannten Sängern etwa noch an stimmlichem Durchsetzungsvermögen fehlt, das besitzt ihr Kollege, der aus Ulm stammende und bereits mehrfach ausgezeichnete Bariton Konstantin Krimmel bereits in überzeugendem Maß: Mit seiner kernigen, ausgesprochen virilen Stimme und überzeugender Bühnenpräsenz verlieh er – in Mozarts berühmter Nummer - der spöttischen Verabschiedung Cherubinos durch Figaro „Non piu andrai“ jene gefährliche Hintergründigkeit, die in ihr von vornherein angelegt ist. Und sein „Lied an den Abendstern“ aus dem „Tannhäuser“ kam so bewegend und feierlich getragen aus deutschen Gemütstiefen, dass es zu einem der Höhepunkte der Gala wurde. Die bronzene Victoria mit 2.500 € und dazu der mit 5.000 € dotierte „Herbert Hillmann und Margot Müller Preis“ für eine herausragende Wagnerstimme waren der verdiente Lohn dafür.

Von Beginn aufhorchen ließ auch der enorm ausdrucks- und ausstrahlungsstarke Mezzo der Chinesin Yajie Zhang, die hier mit dem zweiten Preis (silberne Victoria und 5.000 € und dazu dem Preis der „Gottlob Frick Gesellschaft“ in Höhe von 1.500 €) ausgezeichnet wurde. Ihre Arie der Dorabella „Smanie implacabili“ aus Mozarts „Cosi fan tutte“, eingeleitet durch ein brillantes Rezitativ, war eine atemberaubend reife Leistung und nicht weniger die bekannte Arie der Dalila „Mon coeur s'ouvre a ta voix“ aus Saint-Saens Samson et Dalila“, mit wundervoll gesungenen Piano- und Pianissimotönen voll sinnlicher Sehnsucht. 

Die zwei mit Abstand spektakulärsten Vorstellungen dieses Galaabends blieben freilich der großen Gewinnerin Vasilisa Berzhanskaja (Mezzosopran) vorbehalten. In zwei Koloraturarien aus Opern von Gioacchino Rossini und Gaetano Donizetti präsentierte sich die 25jährige rothaarige Russin mit dem Engelsgesicht als phänomenales Ausnahmetalent, das die manchmal fast aberwitzigen Läufe in „Nacqui all'affano“ (aus dem Finale der „Cenerentola“ von Rossini) und „Per questa fiamma indomite“ der Anna Seymour aus Donizettis „Anna Bolena“ mit einer derart selbstverständlichen Präzision und Sicherheit nahm, dass einem der Atem stockte. Dazu kamen die ausgefeilte Dynamik, der Farbenreichtum, die individuelle Aussagekraft ihres Vortrags.

Last but not least kam auch die Sparte des Liedgesangs an diesem Abend zu ihrem Recht: In Form einer Auftragsarbeit des jungen Komponisten Konstantin Heuer, der Vertonung eines Gedichts von Else Lasker-Schüler (1869-1945), die hier zum ersten Mal in einer Orchesterfassung zu hören war und von Yajie Zhang interpretiert wurde. Es war eine ebenso intimer wie farbenreicher, atmosphärischer Orchesterklang, den Heuer dabei entwickelte, irgendwo zwischen spätromantischen Anklängen und expressionistisch geschärfter Harmonik, und die lyrische Einfühlung und sublime Gesangskultur der Interpretin taten das ihrige zu einem ungewöhnlichen Hörerlebnis hinzu.

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