Prof. Dr. Stephan Mösch im Interview

Der DEBUT-Juror und vielfach ausgezeichnete Musik- und Theaterwissenschaftler berichtet u.a. über sein erstes Opernerlebnis, seinen privaten Musikgeschmack und seine freundschaftliche Beziehung zu Meerjungfrauen.

Womit konnte Sie eine Sängerin oder ein Sänger bei DEBUT 2020 vor allem überzeugen?

Stephan Mösch: Als Persönlichkeit, die sich maximal in Musik, Text und Kontext eines Stückes eingelebt hat und trotzdem sie selbst bleibt. Und die dazu die gesangstechnischen Voraussetzungen mitbringt. Es ist das Zusammenspiel von mentalen, emotionalen und physischen Faktoren, auf die es ankommt.

Sie waren und sind bei vielen Wettbewerben in der Jury. Warum haben Sie die Einladung von DEBUT angenommen?

Mösch: Weil ich Clarry Bartha und ihre Arbeit schon seit ihren Frankfurter Tagen schätze in der künstlerischen Ernsthaftigkeit. Und weil ich hoffe, dass die Jury sich im Gespräch wirklich mit den gebotenen Leistungen der Teilnehmer auseinandersetzt und offen darüber diskutiert. Bei manchen Jurys steckt man anonym einen Zettel mit Zahlen in eine Wahlurne, und am Ende entscheidet die Mathematik. Da möchte ich inzwischen nicht mehr mitwirken.

Was war Ihr erstes Opernerlebnis?

Mösch: Das erste Mal in der Oper war ich mit neun Jahren. Das erste wichtige Erlebnis kam drei Jahre später. Da habe ich den »Tristan« mit Carlos Kleiber und Catarina Ligendza bei einer Generalprobe der Bayreuther Festspiele erlebt und »Tannhäuser« mit Colin Davis. Natürlich konnte ich die Stücke noch nicht wirklich verstehen, aber irgendwie ist ins Unterbewusstsein gedrungen, was da passierte. Ein Jahr später war ich dann als Statist eine der Leichen, die Patrice Chéreau in seiner Ring-Inszenierung in Bayreuth im 3. Akt der »Walküre« einsetzte. Wir hatten einen Hausausweis, durften in alle Proben und haben viele Vorstellungen von Beleuchtungsturm aus erlebt. Ich dachte damals: So geht Oper. Erst im Lauf der Jahre habe ich gelernt, dass sie an anderen Häusern auch viel langweiliger sein konnte. Wir Leichen mussten übrigens während der Vorstellungen die Augen geschlossen halten. Mich hat das geärgert, weil ich so gerne Pierre Boulez und dem Orchester zugeschaut hätte (und bei den Proben auch hatte). Andere Leichen erzählten, dass sie die Augen immer dann aufgemacht haben, wenn eine Sängerin gerade halbwegs über ihnen stand und sie unter den Rock schauen wollten. Wagner und Pubertät...

Wenn Sie eine Opernaufführung der Vergangenheit besuchen könnten, welche wäre das?

Mösch: Ach, da gibt es eine ganze Menge. Adolphe Nourrit hatte ich gern live gehört, etwa in der Uraufführung Rossinis »Guillaume Tell«, dirigiert von Habeneck. Auch seinen Rivalen Gilbert Duprez. Natürlich auch Pauline Viardot-Garcia als Fidès in Meyerbeer »Huguenots«. Oder Rossinis »Otello« mit Maria Mailbran in der Titelpartie und Wilhelmine Schröder-Devrient als Desdemona. Aus früheren Zeiten gerne mal ein Lully-Spektakel oder die Uraufführung von Monteverdis »Poppea« in Venedig. Bei der Uraufführung des »Don Giovanni« hätte ich gerne Kulissen geschoben, um Mozart beim Dirigieren und Spielen ins Gesicht sehen zu können. Alles was seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert passiert ist, kann man sich durch Aufnahmen und Forschung ja doch ganz gut vorstellen.

Welche drei Tugenden schätzen Sie am meisten?

Mösch: Empfindungskraft und -vielfalt, geistige Offenheit, emotionale Verlässlichkeit.

Welche Musik hören Sie in Ihrer Freizeit?

Mösch: Meistens Musik, bei der niemand singt. Ganz ehrlich: Im letzten Urlaub hatte ich die Noten von Beethovens Streichquartetten dabei. Das ist meine Musik zum »Entspannen und Genießen«, weil sie so ganz andere Dinge vom Hörer fordert als die Oper.

Wann haben Sie zuletzt einen Brief geschrieben?

Mösch: Ich schreibe (und bekomme) immer wieder Briefe, nur halt verschickt per E-Mail. Was ein Brief ist, entscheidet sich an der Sorgfalt der Autors, nicht am Versandweg.

Welche Dinge dürfen bei Ihnen im Kühlschrank nicht fehlen?

Mösch: Kühlschränke waren für viele Jahre Accessoires in Inszenierungen, die »modern« sein wollten. Gute Regisseure konnten Zeitbezug auch damals schon anders herstellen. Inzwischen haben die Kühlschränke diese Funktion verloren. Wir können sie also wieder mit echter Frischmilch füllen.

Wenn es mal nicht um Musik und Gesang geht: Worüber unterhalten Sie sich am liebsten mit Freunden?

Mösch: Mit meiner Tochter, die gerade in der Grundschule Schreiben und Rechnen lernt, spreche ich gerne über die Geschichten, die wir gemeinsam lesen. Das »Hexentreffen« haben wir schon oft neu und anders erfunden. Meerjungfrauen sind unsere Freundinnen. Den Ken von »Barbie« beneide ich um seine Haarpracht.

Welches Ziel würden Sie für den nächsten Urlaub oder Ausflug gerne ansteuern?

Mösch: Mein Sehnsuchtsort zum Auftanken ist eine Dünenlandschaft am Atlantik auf Fuerteventura. Nur zwei Hotels gibt es dort. Mehr wird nicht verraten. In die Städte kommt man als Opernreisender ohnehin.

Zur Person:

Prof. Dr. Stephan Mösch, der DEBUT 2020 als Juror begleitete, lehrt seit 2013 an der Hochschule für Musik in Karlsruhe. Von 1994 bis 2013 war er Herausgeber des internationalen Opernmagazins „Opernwelt“. Bei zahlreichen nationalen und internationalen Wettbewerben für Gesang, Regie und Bühnengestaltung ist Stephan Mösch regelmäßig als Juror vertreten. 2017 und 2019 war er Jury-Mitglied beim Dirigentenpreis des Deutschen Musikrats. Er ist außerdem Juror beim Preis der Deutschen Schallplattenkritik, arbeitet regelmäßig für Rundfunkanstalten der ARD und ist Autor im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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