Interview mit KS Brigitte Fassbaender

Welche Schwerpunkte im Fokus der Masterclass von DEBUT 2020 gestanden hätten, beschreibt KS Brigitte Fassbaender in einem Interview mit den Fränkischen Nachrichten.

Am Ostermontag sollte die fünftägige Meisterklasse mit der berühmten Kammersängerin Brigitte Fassbaender beginnen; gekrönt mit einem Abschlusskonzert im Manfred Wittenstein-Saal in der TauberPhilharmonie Weikersheim am 17. April. Doch die Corona-Pandemie nahm auf die intensive Vorbereitung des ambitionierten Projekts mit der Mezzosopranistin, Regisseurin, Gesangspädagogin, Autorin und Intendantin keine Rücksicht. Gerne stand Brigitte Fassbaender, die  nach ihrer unvergleichlichen Sängerkarriere seit 25 Jahren rege als Gesangspädagogin und Regisseurin tätig und nach wie vor begehrt ist, für ein Interview zur Verfügung. Für die folgenden Fragen boten nicht zuletzt die im vergangenen Jahr erschienenen Memoiren der Künstlerin mit dem Titel "Komm' aus dem Staunen nicht heraus" einige Anregungen.    

Das Coronavirus hält die Welt in Atem; wie geht es Ihnen persönlich?

Brigitte Fassbaender: Mir geht es gut. Ich lebe auf dem Land und übe mich in Geduld und Disziplin. Ich habe so viel Zeit, wie noch nie. „Entschleunigung“ wird wohl das „Wort des Jahres“ werden. Diese weltweite Krise ist unbarmherzig. Mein Mitgefühl gilt all den hart Betroffenen. Der einsame Tod ist das Schlimmste.

Welche Schwerpunkte hätten Sie in den Mittelpunkt Ihres Unterrichts im April bei dem leider ausgefallenen Meisterkurs von DEBUT gerückt?

Fassbaender:  Es ergibt sich immer eine Mischung aus technischen und interpretatorischen Anregungen. Wichtig ist mir, dass so individuell und risikofreudig, wie möglich gearbeitet wird: Die ganz persönliche Aussage in der Interpretation, die frei und beherrscht nur aus bewältigter Technik entstehen kann.

In Ihren aufschlussreichen Memoiren schildern Sie, dass sie das Gymnasium vor dem Abitur verließen, um von Ihrem Vater Willi Domgraf-Fassbaender, dem berühmten Kammersänger und Leiter der Nürnberger Opernschule,  als Sängerin ausgebildet zu werden  Haben Sie damals den Weg über ein Hochschulstudium als überflüssig empfunden?

Fassbaender: Mein Vater war Lehrer am Nürnberger Konservatorium. Er hatte dort eine Gesangsklasse. Ich wollte bei ihm studieren, und das so schnell wie möglich! Ein Hochschulstudium war nicht nötig. Das Verlassen der ungeliebten Schule war eine Befreiung und der Schritt in die richtige Richtung.

Ohne vorherigen Abschluss des Studiums am Nürnberger Konservatorium wurden Sie mit 21 Jahren von der Bayerischen Staatsoper engagiert. War Ihnen spätestens jetzt bewusst, dass Sie ein Ausnahmetalent waren?

Fassbaender: Nein – das hatte ich mir nie klargemacht. Das Engagement passierte mehr durch Zufall; ich hatte die Opernprüfung noch nicht gemacht. Ich habe in München offensichtlich gut vorgesungen – und war engagiert.

Wollten Sie Ihrer Mutter Sabine Peters, die schon mit Ingrid Bergman und Gustaf Gründgens vor der Kamera stand, als junges Mädchen nacheifern und hätten Sie sich auch eine Laufbahn als Schauspielerin vorstellen können?

Fassbaender:  Ja, ich wollte ursprünglich Schauspielerin werden; das war, bevor die Stimme sich endgültig Bahn brach. Ich tröstete mich damit, dass man die schauspielerische Ambition sehr wohl auf der Opernbühne einbringen kann und muss.

Sie berichten über ein Zusammentreffen mit dem berühmten Dirigenten Hans Knappertsbusch, bei dem Sie ihm als „kleine Tochter des großen Fassbaender“ vorgestellt wurden. Später schrieben Sie von Ihrer Überlegung, Ihren Namen zu ändern, um nicht von vornherein einem Erwartungsdruck ausgeliefert zu sein.

Fassbaender: Als ich ein kleines Kind war, soll ich auf die Bemerkung „Ah, Dein Vater ist doch der grosse Sänger“ immer gesagt haben: „Nein, er ist ein kleiner, Dicker…“ Der „große Sänger“ saß mir schon im Nacken. Ich wollte die „Überprüfung“ des Talentes ohne die bewusste Herkunft …

War der Ruf Ihres Vaters, der einer der führenden lyrischen Baritone seiner Zeit war, für Ihre Karriere hilfreich oder eher eine Bürde?

Fassbaender: Beides! Die Türen waren auf; die Neugier auf den „Nachwuchs“ groß. Aber die Türen musste ich durch meine Begabung offen halten. Die Neugier, die Erwartung war immer eine Bürde.

Am Anfang Ihrer Karriere sind Sie voller Bewunderung für große Stimmen, stellen aber auch fest, dass manche schon den Zenit ihres Könnens überschritten haben. Ist die Wahrnehmung als Nachwuchskünstler  eine andere als die einer arrivierten Sängerin, die schon auf allen internationalen Opernbühnen aufgetreten ist?

Fassbaender: Selbstverständlich! Ich kann jetzt Ursache und Wirkung besser einordnen, bin verständnisvoller und wahrscheinlich milder, als früher. Man hat so viel am eigenen Leibe erfahren; man weiß, wie schwer der Beruf ist und welchen Gefahren man als Sänger ausgesetzt ist.

Als Sie sich während Ihrer Karriere besonders intensiv dem Lied widmeten, wechselten Sie öfter Ihren Begleiter, selbst wenn es bis dahin eine sehr fruchtbare Zusammenarbeit war. In Ihren Memoiren konstatieren Sie kurz und bündig: „Allmählich kannte man sich zu gut“. Fehlten Ihnen dann neue Anregungen?

Fassbaender: Ja! Ich fühlte mich nach einer gewissen Zeit der „Exklusivität“ eingeengt. Ich wollte neue Erfahrungen, Anregungen sowohl kennenlernen als auch austauschen; man lernt nie aus und Wechselwirkung – hier mit dem Begleiter – ist wichtig.

Ab und zu haben Sie in Verbindung mit Konzertauftritten einige von Ihnen gemalte Bilder ausgestellt. Wird es einmal eine Gesamtschau Ihrer Bilder und Zeichnungen geben?

Fassbaender: Wenn man mich fragt und mir die Arbeit abnimmt, warum nicht! Ich glaube, ich würde jetzt auch verkaufen – für einen guten Zweck. Das habe ich noch nie getan und weiß jetzt nicht, wohin damit…

Ihre erstaunliche künstlerische Bandbreite bewiesen Sie auch mit Ihrer Intendanz am Tiroler Landestheater, die Sie im Rückblick wie folgt charakterisieren: „Es war kein einfacher Prozess, den eigenen, künstlerischen Anspruch und zugleich die Erwartungen des Publikums zu befriedigen.“ Ist dies eine Erkenntnis, die ein Theaterleiter immer beherzigen sollte?

Fassbaender: Vermutlich. Es war jedenfalls meine, nach der ich mich hoffentlich immer gerichtet habe.

Das Interview führte Felix Röttger; es ist am 20.04.2020 in den Fränkischen Nachrichten erschienen.

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