Eine Schatzgräberin im Taubertal

Beim 11. DEBUT Klassik-Gesangswettbewerb sind ab dem Semifinale zwei Arien der renommierten italienischen Komponistin Lucia Ronchetti zu singen. Mit ihrem Kompositionsstil interpretiert die gebürtige Römerin musikdramatische Werke vergangener Epochen auf unnachahmliche Weise und lässt sie in ihren Kernaussagen wieder brandaktuell werden.

Dies findet international große Resonanz. Aufführungen gab es u.a. an der Staatsoper Berlin, in Stuttgart, an der Semperoper Dresden und auf zahlreichen Festivals für zeitgenössische Musik. Direkt von Venedig, wo sie seit Mitte dieser Woche die 66. Musik-Biennale leitet, folgte sie der Einladung ins Taubertal zur Teilnahme an der DEBUT-Matinee und nahm sich die Zeit, ein Interview zu führen:

Wie kam es zu dem Kompositionsauftrag für DEBUT?

Lucia Ronchetti: Oper und Schauspiel Frankfurt gaben mir den ehrenvollen Auftrag, eine Oper zu Dante Alighieris “Inferno” zu schreiben. Zum 700. Todestag im Dante-Jahr 2021 wurde sie konzertant in Frankfurt uraufgeführt. Wegen Corona konnte dann ein Opernfilm nur separat mit der Opernmusik gezeigt werden. Als Clarry Bartha wegen zweier Arien für eine weibliche und eine männliche Stimme anfragte, habe ich gleich an eine Auswahl aus dieser Oper gedacht. Gewählt wurde eine Arie der Francesca, die eine tragische Liebesgeschichte durchlebt, und eine Arie des Odysseus. Die weibliche Stimme wird von einem Solocello begleitet, während Odysseus im Original mit großer Orchesterbesetzung zu hören ist. Bei DEBUT wird das Klavier zum Begleitinstrument.

Wie wichtig ist Ihnen die Arbeit mit Studierenden?

Ronchetti: Ja, sie ist für mich sehr wichtig. Ich unterrichte als Professorin am Konservatorium von Salerno z.B. Harmonie- und Kompositionslehre. Die jungen Studierenden kommen aus vielen Kleinstädten der Region Kampanien. Die Einstudierung von Kompositionstechniken oder der Unterricht über die Dramaturgie einer Oper sind jedes Mal herausfordernd und bereichernd. Es ist schade, dass selbst talentierte Studierende in Italien wenig Neigung zeigen, ihren Horizont im Ausland zu erweitern. Darüber diskutiere ich oft mit ihnen.

Ist für Sie eine Komposition erst dann vollendet, wenn diese zur Aufführung kommt?

Ronchetti: Bei einem neuen Musiktheater-Projekt arbeite ich zunächst ohne Kommunikation mit Dramaturgen, Sängern oder dem Orchester. Über die erste Partitur gibt es dann einen regen Austausch, und ich bin sehr offen für Variationen. Es ist schon die Regel, dass meine endgültige Fassung der Partitur erst nach der Premiere steht. Denn die Uraufführung ist die erste Interpretation des Werkes. Ich kann sehen, was gut ist oder was nicht funktioniert. Wenn ich dann die endgültige Fassung gefunden habe, wird deutlich, dass die Oper ein gemeinschaftliches Werk aller Beteiligten geworden ist.

Bei der Oper „Inferno“ sollte also ein Film integriert werden, dann blieb es bei einer konzertanten Uraufführung. War die Wucht ihrer Musik nicht trotzdem so stark, dass selbst die konzertante Aufführung alle Hörer überwältigte und auch Sie zufrieden waren?

Ronchetti: Die Pandemie machte einen Strich durch die Planung einer Oper mit Szene, Musik und Film.  Alle Beteiligten hatten sehr intensiv und lange geprobt. Die Aufführung mit Dantes Texten im Untertitel war nicht länger aufschiebbar. Sie wurde dann ein großer Erfolg, weil schon allein die Musik eine intensive Vorstellung der einzelnen Charaktere vermittelte. Dante malt im Bild des Odysseus sein Selbstporträt, geprägt vom unbändigen, maßlosen Drang des Forschers nach Wissen und Erkenntnis. Ich habe Dante aber nicht mit dem römischen Dichter Vergil auf die Reise geschickt, sondern Dante betritt allein die höllischen Abgründe.

Ihrer Musik wird eine starke Sogwirkung nachgesagt. Sind das nicht ideale Voraussetzungen, um auch erfolgreiche Filmmusik zu schreiben?

Ronchetti: Jeder Komponist muss das machen, was er wirklich beherrscht. Ich habe keine Erfahrung mit Filmmusik und auch keine Lust darauf, weil mir einfach dazu die Visionen fehlen. Und diese vermittelt mir nur die Musik. Musiktheater und Oper sind für mich ideal; der Regisseur kann dann seine eigene Interpretation umsetzen.

Sie beschreiten kompositorisch viele neue Wege. Ein Beispiel: Francesco Cavalli hat die lange Oper „Il Giasone“ geschrieben, die Sie auf eine Stunde „entschlackt“ und mit eigener Musik durchsetzt haben. Ist dies ein Weg zu neuen musiktheatralischen Formen?

Ronchetti: Die Kammeroper über eine Liebe, die in Hass umschlägt, wurde mit einer Dauer von fünf Stunden 1649 uraufgeführt. Cavalli war ein Genie. Seine Partitur ist für mich magisch, weil er versucht hat, für jeden Charakter eine unverwechselbare Farbe zu finden. Ich habe sozusagen eine kompositorische Analyse geschrieben und das Werk von fünf Stunden auf 60 Minuten reduziert. Es bleiben seine Melodien. Diese Kammeroper mit meiner neuen Instrumentierung und zeitgemäßer Musiksprache empfinde ich als meine beste Arbeit. Sie kommt meinem Ideal von einer Oper am nächsten.

Was sind Ihre nächsten Pläne?

Ronchetti: Am 26. September fahre ich nach Berlin, um der Berufung des Wissenschaftskollegs im Grunewald für ein akademisches Jahr zu folgen. Ich freue mich auf den Dialog mit 30 Wissenschaftlern und Künstlern aller Disziplinen. Ich werde an zwei Musiktheater-Projekten arbeiten. Im Auftrag von “Acht Brücken/Musik für Köln” geht es um eine Choroper „Leopardi, Chronicles of Loneliness“ für 250 Männerstimmen. Musikalisch verarbeitet werden Reflexionen und Erinnerungen in Notizbüchern von Giacomo Leopardi über die Einsamkeit und Isolation junger Menschen. Das zweite Projekt ist eine neue Oper für Soli, Vokalensemble und Orchester im Auftrag der Schwetzinger SWR Festspiele und der Luzerner Oper nach Dostojewskis „Der Doppelgänger“. Beide Premieren sind im April 2023 geplant.

 

Bilder (© DEBUT / Michael Pogoda): Begehrter Gast aus Venedig bei der Matinee von DEBUT in Bad Mergentheim: Die italienische Komponistin Lucia Ronchetti (im Gespräch mit Clarry Bartha).

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